| Der
Weg ist das Ziel
Wie mein Kind die Umwelt sieht
Sinnvolle
Freizeitgestaltung erfordert Planung. In diesem Sinne war die Route
unserer Fahrradtour mit Bedacht gewählt, das Ziel klar umrissen,
die Stützräder montiert und unsere Tochter frühzeitig
in das Vorhaben eingeweiht. So bestiegen wir – die Mutter,
der Vater, das Kind – am Morgen jenes erkorenen Ferientages
unsere Räder.
Hannah setzt sich schnell vom Mittelfeld ab, startet nach vorne
durch, strahlt dabei und tritt voller Eifer in die Pedale. Sie ist
stolz, keine Frage, auf ihr neues Fahrrad und die Tatsache, dass
sie nicht mehr geschoben, getragen, gefahren oder sonst irgendwie
manövriert wird. Hannah fährt selbst. Bis zur ersten Biegung.
Dort bleibt sie stehen und labert rum:
„Ich kann schon fahren“.
„Ja, freilich. Schön machst du das.“
„Ist das mein Fahrrad?“
„Ja, dein Fahrrad, Hannah, und jetzt fahr weiter.“
„Ich hab Stützräder.“
„Ja, damit geht’s erst mal besser. Jetzt fahr zu.“
„Du hast aber keine Stützräder, oder?“
„Nein, ich nicht, ich brauche keine. Später wirst du
auch keine mehr brauchen. Aber dafür musst du erst einmal das
Lenken und Bremsen lernen, also fahr zu.“
Hannah stutzt plötzlich. Ich kann sehen, wie es in ihr arbeitet.
Immer wieder übe ich mich in diesen pädagogischen Winkelzügen,
um sie sanft auf meine Spur zu lenken. Leider folgen ihre Gedanken
meiner Fährte nicht, sondern brechen sich ihre eigene Bahn
durch das Dickicht konsequenter Überlegungen:
„Aber ich kann doch schon lenken.“
„Ja schon, aber noch nicht so richtig. Ohne Stützräder
geht das noch nicht. Das weißt du doch, du hast es doch probiert,
nicht wahr?“
„Ohne Stützräder geht das nicht?“
Vielleicht hat sie es vergessen. Vielleicht will sie mich foppen.
Ich weiß, das macht sie gern: Diskutieren im Schlagabtausch
von Frage und Gegenfrage. Einfach so, um ein bisschen zu plaudern.
Aber wir befanden uns auf einer Fahrradtour und hatten ein Ziel
vor Augen. Nur Hannah eben nicht.
Sie nimmt wieder Fahrt auf und ich schöpfe Hoffnung –
bis zur nächsten Biegung: Ja, was haben wir denn da? Einen
Stromkasten! Nein, so was! Ja, was ist denn das? Was ist denn da
drin? Und wieso steht denn das Ding überhaupt so verlassen
hier herum?
So ging das weiter. Mit profanen Leuchtpfosten und rätselhaften
Schildern, romantischen Schmetterlingen und geheimnisvollen Würmern,
mit Vögeln und Wolken, Passanten und Autos, mit toten Tieren
und stinkender Hundekaka (Pfui, Hannah!) – einfach mit allem,
was unseren Weg säumte. Sie begriff unsere Ungeduld nicht.
Konnte nicht verstehen, warum wir immerzu nach vorne strebten, sie
darum baten, doch wieder in den Sattel zu steigen, trotzdem das
Abenteuer doch so unmittelbar vor uns lag. Wozu denn in die Ferne
schweifen, wenn die Attraktionen hier und jetzt aus dem Boden sprießen?
Ich frage mich, was ich denn von den mir selbst gesteckten Zielen
erwarte, das sich von alledem, was meine Tochter entdeckt, so sehr
unterscheidet.
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Was ist denn das Ziel eines als Fahrradtour
geplanten Familienausflugs? Den Parcours zu vollenden, um anzukommen?
Oder etwas zu sehen? Oder sich zu erholen? Ich weiß es nicht
so recht, – aber ich wollte weiter. Ich finde, bei einer Fahrradtour
muss man vorankommen. Aber Hannah interessiert das alles einen Dreck.
Die bleibt stehen, wo sie will. Und wir, ihre Eltern, letzten Endes
auch. Ohne sie geht es ja nicht. Warum wünscht man sich Kinder,
wenn sie einen doch wie ein Mühlstein um den Hals hängen?
Hannah ist wie Klebstoff – man kommt einfach nicht vom Fleck.
Die Welt bietet ihr einfach zu viel, sie will überall stehen
bleiben. Das ist das Problem.
Aber vielleicht ist das auch ganz anders: Vielleicht ist mein Ziel
nur Selbstzweck, ohne den ich nicht auskomme. Weil ich das in Wahrheit
gar nicht mehr kann: Schlendern, bummeln, die Dinge auf mich zukommen
lassen und voller Neugier das Nächstliegende erblicken. Ich
habe nämlich Erwartungen. Und das ist mein Problem. Denn Abenteuer
passieren immer unerwartet.
„Was ist das, Papa?“
Meine Tochter kennt keine Anforderungen, Sollwerte, Termine oder
Verbindlichkeiten. Für sie gibt es nur die Geheimnisse am Wegesrand.
Sensationen, die ich nicht mehr sehe, weil ich mir angewöhnte,
meine Ziele wie mit Scheuklappen vor den Augen anzuvisieren. Sie,
meine Tochter, tändelt ziellos und staunend durch den Tag,
durch die Stunde, die Sekunde, ist vor Ort am Geschehen, –
an ihrem Ziel. Was ich in Meditationsbüchern wie eine Offenbarung
lese, lebt mein Kind mir tagtäglich vor: Der Weg ist das Ziel.
Und wie der Weg das Ziel ist, so wird das Spiel um seiner selbst
Willen gespielt:
„Hannah, beim Cricket kommt es darauf an, mit dem Schläger
die Kugel durch das Törchen zu kicken. Das ist ganz einfach,
sieh zu, wie wir das machen und mach’s dann genauso.“
„Ja.“
Ihre Zustimmung klang verheißungsvoll, aber was dann kam,
war ein Krampf. Zwar versteht sie, dass es beim Wettbewerb Gewinner
und Verlierer gibt, aber dass man unter Beachtung eines Reglements
den Sieg statt der Niederlage anstrebt, – das geht ihr völlig
ab.
„Hannah, du bist nicht dran.“
„Glaube doch.“
„Nein, du hast vor der Mama geschlagen und jetzt bin ich dran.“
„Aber deine Kugel ist doch schon viel weiter!“
Ihr Kopf schwoll vor Empörung rot an.
„Also gut, dann mach jetzt.“
Ich sehe zu, wie sie die Kugel nimmt und sie zurechtlegt. Mit der
Hand. Ohne Schläger. In aller Ruhe.
„Hannah so geht das nicht. Du musst die Kugel mit dem Schläger
bewegen. Das gehört zum Spiel.“
„Aber von so weit komm ich doch gar nicht durch!“
Okay. Das war der Anfang und das war noch gut. Im weiteren Spielverlauf
wurde dann die Zugehörigkeit der Kugeln und Schläger,
die Reihenfolge der Törchen und die Schlagrichtung in Frage
gestellt, des Weiteren musste geklärt werden, ob die Törchen
tatsächlich unverrückbar waren und zu welchen Zwecken
die Schläger anderweitig eingesetzt werden konnten. Das Match
verlor sich in Millionen Spielvarianten, die Hannah aus dem Ärmel
zauberte. Scheiß doch drauf, wer gewinnt, Hauptsache die Kugel
rollt! Irgendwie!
Der Wettkampf selbst ist das Abenteuer, dem sich der Sieg und die
Niederlage lediglich als bemerkenswerte Resultate anschließen.
Treffer und Verfehlungen sind gleichermaßen interessant, ebenso
die Farbe der Schläger und Kugeln, die Reihenfolge der Einsätze
und der vorbeifliegende Vogel: tausend Facetten des schillernden
Hologramms eines Happenings auf der Spielwiese. Das Spiel ist Spiel:
In jeder Runde zählt alles.
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