Bibliothek Helmut H. Brand

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Es beginnt ganz animalisch: nur ein sanftes Klopfen an der Pforte unserer Empfindungen. Das Stamm-hirn erhält positive Stimuli. Wir verspüren subtile Streichel-einheiten, die sich mit einer bestimmten Aktion verbinden. Indem wir produzieren oder konsumieren, annehmen oder verweigern, genießen oder leiden, indem wir arbeiten oder spielen, sehen oder hören, riechen oder schmecken, essen oder hungern – erfahren wir Annehmliches: Wir haben ein „gutes Gefühl“ dabei. Am Anfang war das Gefühl – und das war gut.
Zum Beispiel vor dem Fernsehen, wenn wir uns in die fiktive Handlung eines Spielfilms hineinversetzen. Wenn wir beim Sportereignis wetteifern, bei der Spielshow die Daumen drücken, uns von den Sensationen der Berichterstattung mitreißen lassen. Wir schaffen eine Illusion, indem wir in fremde Rollen schlüpfen: in die Rolle des Seriendetektiven auf der Spuren-suche oder des Ganoven auf der Flucht, in die Haut des Athleten beim Lauf über die Ziellinie oder des Torwartes kurz vor dem Elfmeter. Wir schlüpfen in die Kandidatenrolle der Quizshow und leiden mit den Opfern der unzähligen Katastrophen in den Nachrichten aus aller Welt. Ohne den Schmerz empfinden zu müssen. In Wahrheit sind wir immun und sicher. Wir erhalten Gefühle zum Nulltarif: Lust und Angst, Ehrgeiz, Neid, Eifersucht, Groll, Hass, Freude und Trauer in allen Variationen. Die Identifikation ist eine Täuschung, aber die Gefühle sind echt. Und das verschafft uns Befriedigung, stillt unsere Triebe. Wir finden Ersatzlösungen für den Verzicht, den die Kultur uns abfordert. Wir entwickeln eine Leidenschaft, die immer mehr verlangt.

 

2. Schritt:

Die Schwelle zur
Maßlosigkeit

Die Illusion kann nur in Grenzen aufrechterhalten werden. Es sind dieselben Grenzen, die jede Form von Konsum definieren: Wir haben Hunger, wir essen – und dann sind wir satt. Die Triebe des gesunden Menschen werden gestillt, auf dem einen oder anderen Weg befriedigt oder sublimiert. Das Verlangen lässt nach. Aber manchmal sind die Signale der Sättigung zu schwach, halten der Erinnerung an die einmal erfahrene Annehmlichkeit nicht stand.
Wir machen weiter und überschreiten die Grenzen unseres Wohlbefindens: Wir essen weiter, trinken weiter, hungern, rauchen, spielen, arbeiten oder sehen fern, – bis unser Körper rebelliert. Wir nehmen zu viel in der trügerischen Erwartung, dass das nämliche Mittel immer dasselbe Resultat hervorbringt. Dass die Quantität der Dosis mit der Qualität ihrer Wirkung übereinstimmt
Leidenschaft kennt keine Wasch-zettel. Natürlich geht die Spekulation nicht auf: Das gute Gefühl bleibt aus, die Wirkung verkehrt sich in ihr Gegenteil. Jenseits der Schwelle zur Maßlosigkeit verpuffen die Illu-sionen! Ursache ihrer Auflösung ist die Überforderung von Körper und Geist. Das organische und mentale Potenzial ist erschöpft, ohne dass die Aufnahmebereitschaft nach-gelassen hätte. Die Aktion verliert mit ihrer Übertreibung auch alle Annehmlichkeiten. Indem wir ständige Neuauflagen desselben erleben, stumpft die Sensibilität ab. Die Gefühle wogen nicht mehr, sondern verflachen. Wir sind traurig ob der sinnlosen Kreisläufe unserer Gefühle, denen einfach der Atem ausgeht.
Wir sitzen noch immer vor der nämlichen Serie und erkennen das immer gleiche Strickmuster. Wir sehen, dass der Held keine Schwächen und der Ganove kein Gewissen hat – und nun langweilen sie uns. Das Spiel wurde abgepfiffen, der Läufer hat die Ziellinie längst passiert. Aber nun gibt es ein neues Spiel und einen neuen Lauf. Doch was wird aus dem Sieg, wenn das Spiel immer wieder gespielt, der Wettkampf immer wieder aufs Neue ausgetragen wird? Der Ruhm verblasst, der Ehrgeiz versiegt und die Lorbeeren werden welk. Was zählt der Verlust des austauschbaren Kandidaten, dessen Einsatz immer wieder aufs Neue gesetzt, gewonnen und verloren wird. Was zählt das einzelne Unglück in der nicht abreißenden Reihe unzähliger Katastrophen? Die Erzählstrukturen verlieren sich als filigrane Spuren einer immer gleichen Verkettung von Ursache und Wirkung. Die Dramaturgie nutzt sich ab. Die Drehbücher drehen ins Endlose, die Spannungsbögen leiern aus. Das alles hat im Überfluss keinen Wert. Identifikation findet nicht mehr statt.
Wir müssen erfahren, dass die Verbindung von Aktion und Gefühl nicht durchgängig ist, dass sich der Effekt durch Übertreibung in sein Gegenteil verkehrt: Übersättigung, Verdruss, Stumpfheit.

 

Wir lernen aus unseren Er-fahrungen. Wir erinnern uns unserer Fehler, um deren Wiederholung zu vermeiden. In der Regel. Aber manchmal kommt es anders: Der Süchtige begeht immer und immer wieder dieselben Fehler in der Erwartung anderer Ergebnisse. Und die Erwartung ist bereits vorweggenommener Groll.
Warum? Warum tun wird das: Essen und trinken immer wieder über die Maßen, spielen oder arbeiten wieder und wieder über Gebühr, bleiben sitzen, statt aufzustehen, trotzen unserer Erfahrung, die uns doch Gegenteiliges lehrt?
Wir erfahren Wiederholung und wiederholen das, was wir erfahren, indem wir uns dem Sog der augenblicklichen Annehmlichkeit ergeben. Im Grunde tun wir einfach nur nichts, und zwar nichts anderes. Der Süchtige verharrt im gleichbleibenden Muster, weil er diesem Sog nichts entgegen-zusetzen hat. Die Hemmschwelle ist abgewetzt, der Kopf kommt nicht mehr gegen die Gefühle an. Die übrigen Interessen sind blockiert. Nun sitzen wir vor der Glotze und interessieren uns nicht mehr für Bücher, Spaziergänge, Unterhal-tungen, für nichts mehr, was sich außerhalb dieses einen Suchtmittels abspielt. Wir stehen nicht auf, weil es unversehens anstrengender wurde, von den laufenden Bildern abzuspringen. Die Gegenwehr er-fordert in zunehmenden Maße Kraft: die Bereitschaft, sich von Bekanntem zu lösen, loszulassen, um neue Bindungen eingehen zu können. Es mangelt an der für diese Reaktion notwendigen Energie. Das Gesetz der Trägheit steht dagegen. Die Wiederholungen selbst kata-lysieren den Prozess. Wenn die Droge erst fokussiert ist, versiegt die übrige Neugier. Das Blickfeld verengt sich zunehmend, der Teufelskreis macht dicht.

 

4. Schritt:

Der Teufelskreis

Sucht ist ein Paradoxon: Das Drehen in der Wiederholungs-schleife ist ein nihilistischer Progress. Der Sinn geht verloren und damit auch die zum Gegensteuern so notwendige Energie.
Mit jeder Schleife steigert sich die Desillusionierung:
Unser glorreicher Filmheld wird zum Clown, der Athlet zum Hampelmann, der Kandidat mutiert zum Statisten, die Opfer der Katastrophe verblassen als eine lapidare Beute des Schicksals. Dennoch wenden wir unseren Blick nicht ab. Und dann vollzieht sich eine irrationale Tragödie, jener Wahnsinn im Kopf des Süchtigen, und zwar vom Asketen bis zum Junky, den der gesunde Menschenverstand nicht mehr nachzuvollziehen in der Lage ist: Mind-fucking - die Zerstörung tanzt auf dem Zeitpfeil.
Auf seiner verzweifelten Jagd nach Annehmlichkeit und Triebbefriedi-gung lernt der Süchtige den Misserfolg. Er begreift, dass sein Wunsch Illusion bleibt, dass sein immer gleichbleibendes Verlangen sich nicht stillen lässt. In dem schemenhaften Bewusstsein, dass er immer schon dasselbe wollte, nämlich Harmonie, Einheit, Ordnung, Muster, Bedeutung, Zusammenhang, Halt und Sinn weitet sich das Unheil in die Vergangenheit und Zukunft aus. Die Erinnerung wird zerstört, weil die Erinnerungen sich im Kontext gleichbleibender Motivationen spiegeln. Diese Motivationen aber sind die entscheidenden Abrufreize der autobiografischen Cäsur: Die einstige Annehmlichkeit war folglich ebenso eine Illusion wie der gegenwärtige Wahn ein Spukbild ist. Wenn der Filmheld als Scharlatan entlarvt wurde, dann war die anfängliche Identifikation mit dieser Figur der Reinfall in die Intrigen eines Possenreißers: Das gute Gefühl war eine Dummheit. Und die Spekulation auf dieses Gefühl ist ebensolcher Unfug. Deshalb ist selbst die Hoffnung ihrer Möglichkeiten beraubt: Der angestrebte Zustand lässt sich nicht verwirklichen, ganz gleich, was dem Helden widerfährt, wie das Spiel auch ausgehen mag, gleichgültig, was dem Kandidaten gelingt, welche Ausmaße die Katastrophe auch annehmen mag: Was wir sehen, gesehen haben und sehen werden bleibt nichts weiter als die bloße Anhäufung belangloser Film-schnipsel. Ganz gleich auch, was uns selbst widerfährt!
Und wenn wir alles in uns hineinkippen, dann werden wir daran zugrunde gehen. Es wird sich nichts ändern, solange die Motivation dieselbe bleibt: das maßlose Begehren, das absolute, unbedingte Verlangen nach immer mehr Gefühlen derselben Art.

 

Der einzige Ausweg