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Es beginnt ganz animalisch: nur ein sanftes Klopfen an der Pforte
unserer Empfindungen. Das Stamm-hirn erhält positive Stimuli.
Wir verspüren subtile Streichel-einheiten, die sich mit einer
bestimmten Aktion verbinden. Indem wir produzieren oder konsumieren,
annehmen oder verweigern, genießen oder leiden, indem wir
arbeiten oder spielen, sehen oder hören, riechen oder schmecken,
essen oder hungern – erfahren wir Annehmliches: Wir haben
ein „gutes Gefühl“ dabei. Am Anfang war das Gefühl
– und das war gut.
Zum Beispiel vor dem Fernsehen, wenn wir uns in die fiktive Handlung
eines Spielfilms hineinversetzen. Wenn wir beim Sportereignis wetteifern,
bei der Spielshow die Daumen drücken, uns von den Sensationen
der Berichterstattung mitreißen lassen. Wir schaffen eine
Illusion, indem wir in fremde Rollen schlüpfen: in die Rolle
des Seriendetektiven auf der Spuren-suche oder des Ganoven auf der
Flucht, in die Haut des Athleten beim Lauf über die Ziellinie
oder des Torwartes kurz vor dem Elfmeter. Wir schlüpfen in
die Kandidatenrolle der Quizshow und leiden mit den Opfern der unzähligen
Katastrophen in den Nachrichten aus aller Welt. Ohne den Schmerz
empfinden zu müssen. In Wahrheit sind wir immun und sicher.
Wir erhalten Gefühle zum Nulltarif: Lust und Angst, Ehrgeiz,
Neid, Eifersucht, Groll, Hass, Freude und Trauer in allen Variationen.
Die Identifikation ist eine Täuschung, aber die Gefühle
sind echt. Und das verschafft uns Befriedigung, stillt unsere Triebe.
Wir finden Ersatzlösungen für den Verzicht, den die Kultur
uns abfordert. Wir entwickeln eine Leidenschaft, die immer mehr
verlangt.
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Die Schwelle zur
Maßlosigkeit
Die Illusion kann nur in Grenzen aufrechterhalten werden. Es sind
dieselben Grenzen, die jede Form von Konsum definieren: Wir haben
Hunger, wir essen – und dann sind wir satt. Die Triebe des
gesunden Menschen werden gestillt, auf dem einen oder anderen Weg
befriedigt oder sublimiert. Das Verlangen lässt nach. Aber
manchmal sind die Signale der Sättigung zu schwach, halten
der Erinnerung an die einmal erfahrene Annehmlichkeit nicht stand.
Wir machen weiter und überschreiten die Grenzen unseres Wohlbefindens:
Wir essen weiter, trinken weiter, hungern, rauchen, spielen, arbeiten
oder sehen fern, – bis unser Körper rebelliert. Wir nehmen
zu viel in der trügerischen Erwartung, dass das nämliche
Mittel immer dasselbe Resultat hervorbringt. Dass die Quantität
der Dosis mit der Qualität ihrer Wirkung übereinstimmt
Leidenschaft kennt keine Wasch-zettel. Natürlich geht die Spekulation
nicht auf: Das gute Gefühl bleibt aus, die Wirkung verkehrt
sich in ihr Gegenteil. Jenseits der Schwelle zur Maßlosigkeit
verpuffen die Illu-sionen! Ursache ihrer Auflösung ist die
Überforderung von Körper und Geist. Das organische und
mentale Potenzial ist erschöpft, ohne dass die Aufnahmebereitschaft
nach-gelassen hätte. Die Aktion verliert mit ihrer Übertreibung
auch alle Annehmlichkeiten. Indem wir ständige Neuauflagen
desselben erleben, stumpft die Sensibilität ab. Die Gefühle
wogen nicht mehr, sondern verflachen. Wir sind traurig ob der sinnlosen
Kreisläufe unserer Gefühle, denen einfach der Atem ausgeht.
Wir sitzen noch immer vor der nämlichen Serie und erkennen
das immer gleiche Strickmuster. Wir sehen, dass der Held keine Schwächen
und der Ganove kein Gewissen hat – und nun langweilen sie
uns. Das Spiel wurde abgepfiffen, der Läufer hat die Ziellinie
längst passiert. Aber nun gibt es ein neues Spiel und einen
neuen Lauf. Doch was wird aus dem Sieg, wenn das Spiel immer wieder
gespielt, der Wettkampf immer wieder aufs Neue ausgetragen wird?
Der Ruhm verblasst, der Ehrgeiz versiegt und die Lorbeeren werden
welk. Was zählt der Verlust des austauschbaren Kandidaten,
dessen Einsatz immer wieder aufs Neue gesetzt, gewonnen und verloren
wird. Was zählt das einzelne Unglück in der nicht abreißenden
Reihe unzähliger Katastrophen? Die Erzählstrukturen verlieren
sich als filigrane Spuren einer immer gleichen Verkettung von Ursache
und Wirkung. Die Dramaturgie nutzt sich ab. Die Drehbücher
drehen ins Endlose, die Spannungsbögen leiern aus. Das alles
hat im Überfluss keinen Wert. Identifikation findet nicht mehr
statt.
Wir müssen erfahren, dass die Verbindung von Aktion und Gefühl
nicht durchgängig ist, dass sich der Effekt durch Übertreibung
in sein Gegenteil verkehrt: Übersättigung, Verdruss, Stumpfheit.
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Wir lernen aus unseren Er-fahrungen. Wir erinnern uns unserer Fehler,
um deren Wiederholung zu vermeiden. In der Regel. Aber manchmal
kommt es anders: Der Süchtige begeht immer und immer wieder
dieselben Fehler in der Erwartung anderer Ergebnisse. Und die Erwartung
ist bereits vorweggenommener Groll.
Warum? Warum tun wird das: Essen und trinken immer wieder über
die Maßen, spielen oder arbeiten wieder und wieder über
Gebühr, bleiben sitzen, statt aufzustehen, trotzen unserer
Erfahrung, die uns doch Gegenteiliges lehrt?
Wir erfahren Wiederholung und wiederholen das, was wir erfahren,
indem wir uns dem Sog der augenblicklichen Annehmlichkeit ergeben.
Im Grunde tun wir einfach nur nichts, und zwar nichts anderes. Der
Süchtige verharrt im gleichbleibenden Muster, weil er diesem
Sog nichts entgegen-zusetzen hat. Die Hemmschwelle ist abgewetzt,
der Kopf kommt nicht mehr gegen die Gefühle an. Die übrigen
Interessen sind blockiert. Nun sitzen wir vor der Glotze und interessieren
uns nicht mehr für Bücher, Spaziergänge, Unterhal-tungen,
für nichts mehr, was sich außerhalb dieses einen Suchtmittels
abspielt. Wir stehen nicht auf, weil es unversehens anstrengender
wurde, von den laufenden Bildern abzuspringen. Die Gegenwehr er-fordert
in zunehmenden Maße Kraft: die Bereitschaft, sich von Bekanntem
zu lösen, loszulassen, um neue Bindungen eingehen zu können.
Es mangelt an der für diese Reaktion notwendigen Energie. Das
Gesetz der Trägheit steht dagegen. Die Wiederholungen selbst
kata-lysieren den Prozess. Wenn die Droge erst fokussiert ist, versiegt
die übrige Neugier. Das Blickfeld verengt sich zunehmend, der
Teufelskreis macht dicht.
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Der Teufelskreis
Sucht ist ein Paradoxon: Das Drehen in der Wiederholungs-schleife
ist ein nihilistischer Progress. Der Sinn geht verloren und damit
auch die zum Gegensteuern so notwendige Energie.
Mit jeder Schleife steigert sich die Desillusionierung:
Unser glorreicher Filmheld wird zum Clown, der Athlet zum Hampelmann,
der Kandidat mutiert zum Statisten, die Opfer der Katastrophe verblassen
als eine lapidare Beute des Schicksals. Dennoch wenden wir unseren
Blick nicht ab. Und dann vollzieht sich eine irrationale Tragödie,
jener Wahnsinn im Kopf des Süchtigen, und zwar vom Asketen
bis zum Junky, den der gesunde Menschenverstand nicht mehr nachzuvollziehen
in der Lage ist: Mind-fucking - die Zerstörung tanzt auf dem
Zeitpfeil.
Auf seiner verzweifelten Jagd nach Annehmlichkeit und Triebbefriedi-gung
lernt der Süchtige den Misserfolg. Er begreift, dass sein Wunsch
Illusion bleibt, dass sein immer gleichbleibendes Verlangen sich
nicht stillen lässt. In dem schemenhaften Bewusstsein, dass
er immer schon dasselbe wollte, nämlich Harmonie, Einheit,
Ordnung, Muster, Bedeutung, Zusammenhang, Halt und Sinn weitet sich
das Unheil in die Vergangenheit und Zukunft aus. Die Erinnerung
wird zerstört, weil die Erinnerungen sich im Kontext gleichbleibender
Motivationen spiegeln. Diese Motivationen aber sind die entscheidenden
Abrufreize der autobiografischen Cäsur: Die einstige Annehmlichkeit
war folglich ebenso eine Illusion wie der gegenwärtige Wahn
ein Spukbild ist. Wenn der Filmheld als Scharlatan entlarvt wurde,
dann war die anfängliche Identifikation mit dieser Figur der
Reinfall in die Intrigen eines Possenreißers: Das gute Gefühl
war eine Dummheit. Und die Spekulation auf dieses Gefühl ist
ebensolcher Unfug. Deshalb ist selbst die Hoffnung ihrer Möglichkeiten
beraubt: Der angestrebte Zustand lässt sich nicht verwirklichen,
ganz gleich, was dem Helden widerfährt, wie das Spiel auch
ausgehen mag, gleichgültig, was dem Kandidaten gelingt, welche
Ausmaße die Katastrophe auch annehmen mag: Was wir sehen,
gesehen haben und sehen werden bleibt nichts weiter als die bloße
Anhäufung belangloser Film-schnipsel. Ganz gleich auch, was
uns selbst widerfährt!
Und wenn wir alles in uns hineinkippen, dann werden wir daran zugrunde
gehen. Es wird sich nichts ändern, solange die Motivation dieselbe
bleibt: das maßlose Begehren, das absolute, unbedingte Verlangen
nach immer mehr Gefühlen derselben Art.
Der einzige
Ausweg
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